Lesbischer Herbst 2010 - Unsere Referentinnen und Mitwirkenden
Dr. Margit Göttert
Soziologin, hat ihre Dissertation in 2000 unter den Titel „Macht und Eros“ veröffentlicht. Schwerpunkt ihrer Arbeit war die Analyse von Frauenbeziehungen und weiblicher Kultur um 1900 in der ersten Frauenbewegung. Im Zentrum ihrer Betrachtung steht die Beziehung zwischen den wichtigsten Repräsentantinnen des gemäßigten Flügels Helene Lange und Gertrud Bäumer.
Diese Frauen haben sich selbst nicht als „lesbisch“ bezeichnet, dennoch lebten sie wie viele Reformerinnen dieser Zeit in langjährigen Frauenbeziehungen, wie auch immer sie Intimleben miteinander gestalteten. Sie lebten ihre Beziehungen auch nicht heimlich: ihre öffentliche Inszenierung als generationenverbindendes Frauenpaar war Teil ihres Bestrebens, der dominierenden "männlichen" Kultur eine "weibliche Kultur" entgegenzustellen. Inwieweit ihnen dies gelang, mit welchen Konflikten und Problemen sie zu kämpfen hatten und was davon heute noch aktuell ist, darüber wird Margit Göttert sprechen, aber auch über ihre eigenen Erfahrungen als Forscherin.
Für uns heute ist es wichtig, diese Frauen als ein Teil unseres Erbes zu betrachten und sie in allen ihren Facetten und Ambivalenzen wahrzunehmen: Wir profitieren auch heute von ihrem damaligen Mut, andere Lebensformen zu wählen als die, die in dieser Gesellschaft für Frauen vorgesehen waren und sind.
Dr. Sabine Scheffler
Professorin, Supervisorin und Therapeutin, war bis vor kurzem jahrelang an der Fachhochschule Köln tätig, wo sie auch Leiterin des Instituts für Geschlechterstudien war.
Die Scham ist vorbei...!?
Dieser Satz ist ursprünglich der Titel eines Buches von Anja Meulenbelt, einer holländischen feministischen Soziologin, die ihre erste Frauenliebe in diesem Buch verarbeitet und öffentlich macht. Der Bogen von dort, von den 70er Jahren bis heute, ist sicherlich – besonders was die politische und soziale Identität von Lesben betrifft – sehr weit zu spannen.
In den 70er Jahren ging es darum, im Schutz der Frauenbewegung eine Vision von öffentlicher lesbischer Lebenskultur zu entwickeln, sich einzumischen und die doppelte Diskriminierung sichtbar zu machen.
Seitdem hat sich Einiges geändert: Heute ist es beispielsweise für jüngere Lesben selbstverständlich, dass ein Frauenpaar zwei Kinder vom gleichen Spender mit unterschiedlichen Müttern aufzieht. Und gleichzeitig äußert sich Miriam Meckel, eine bekannte Kommunikationswissenschaftlerin in der Zeitung kritisch dazu, dass sie sich mit ihrer Frauenbeziehung outen müsse, wenn sie mit ihrer Partnerin Anne Will bei öffentlichen Anlässen an einem Tisch sitzen wolle.
Auf dem Weg zu diesen beispielhaften Widersprüchlichkeiten liegen Auseinandersetzungen mit offizieller Frauenpolitik und „Heteras“, Kampagnen, Märsche, das „Sichtbar werden“ – „out of the closet“ – als der stetige Kampf gegen Diskriminierung und Gewalt. Die gesellschaftliche Situation von Lesben scheint nach wie vor eingebunden in die Möglichkeiten, die Frauen in unserer Gesellschaft zugestanden werden.
Von Gleichstellung kann sicherlich nicht gesprochen werden und in zentralen gesellschaftlichen Feldern wie Ökonomie und Politik sind alternative Lebensstile wie Homosexualität entweder exotisch und besonderer Aufmerksamkeit wert oder sie werden nach wie vor als Karrierehindernis gesehen.
Dominanz- und Gewaltverhältnisse und deren Auswirkung sind so nach wie vor zentrale Inhalte von Frauen- und Lesbenpolitik, nur die Zeit der Scham und der Stille ist vorbei. Dabei hat sich das Gesicht der Benachteiligung verändert, es gibt neue Verdeckungszusammenhänge mit anderen Qualitäten.
Diese „Schlaglichter“ werden im Vortrag hergeleitet und vertieft. Die Thesen bieten sowohl Anhaltspunkte für Rückblicke wie auch für eine Auseinandersetzung mit neuen und veränderten Betrachtungsmöglichkeiten der gesellschaftlichen Position weiblicher Homosexualität zu Beginn des 21. Jahrhunderts.





